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Vergangene Größe in moderner Simulation

Schwarz-weiß-Zeichnung von vielen Fachwerkhäusern. In der Mitte steht ein rotes Haus. Das ist die mittelalterliche jüdische Synagoge

Rekonstruktionen zum Verständnis der römerzeitlichen und mittelalterlichen Baureste im MiQua

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Seit rund zwei Jahren entwickeln Fachleute aus der Archäologie, Architektur, historischen Bauforschung, Kunstgeschichte und Judaistik in einem transdisziplinären Teamwork am Schreibtisch und am Rechner Szenarien, die helfen die Baureste im archäologischen Rundgang von MiQua zu verstehen. Eingebunden sind dabei die Architekturwissenschaften der Technischen Universitäten Darmstadt und Budapest. Im Team wird das umgesetzt, was die Forschung zum römischen Praetorium, dem jüdischen Viertel mit der Synagoge und den mittelalterlichen Häusern des Goldschmiedeviertels ergibt. Das MiQua arbeitet dabei eng mit dem Team der Archäologischen Zone der Stadt Köln zusammen und natürlich mit zahlreichen Fachleuten von außerhalb.

Für die Dauerausstellung des MiQua werden in Darmstadt mehrere erklärende Medienpräsentationen entwickelt: Ein Einführungsfilm zur Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde von Köln und zur möglichen Gestalt des jüdischen Viertels. Ein weiterer Film, der detailliert die Baugeschichte des Synagogengebäudes vorführt und seine Bauphasen verdeutlicht. Noch ein Film veranschaulicht speziell die Rekonstruktion der Bima, der zentralen Lesebühne in der Synagoge, und zeigt anhand ausgegrabener Architekturfragmente, wie der bis jetzt erreichte Arbeitsstand zustande gekommen ist. Schließlich entsteht ein allgemein einführender Film zur Dauerausstellung der archäologischen Befunde von MiQua. Er wird am Anfang der Ausstellung gezeigt und schafft den Zugang zur mehr als 6.000 m² umfassenden archäologischen Ausstellungsfläche mit den beiden Schwerpunkten Römerzeit und Mittelalter.

Am Anfang der Arbeiten entstand mit Hilfe der Dokumentationen der Altgrabung aus den 1950er Jahren und der Neugrabung der Stadt Köln, die seit 2007 stattfindet, sowie eines Punktewolkenscans der Erdbebenforschung der Universität zu Köln, ein digitales Befundmodell. Dieses soll auch auf einem 3D-Drucker ausgedruckt und mit Animationen bespielt werden. So für die einleitende Präsentation des gesamten archäologischen Rundgangs und für die zum jüdischen Viertel.

Medientisch im zukünftigen Museum mit einem Modell des gesamten archäologischen Rundgangs eingebettet in die bestehende Bebauung am Rathausplatz
Abb. 1: Erster Entwurf für die Installation auf dem Übersichtsbalkon am Beginn der künftigen Ausstellung. Bild: © Architectura Virtualis, Kooperationspartner der TU Darmstadt

Beim Erklärfilm zur Entstehung des jüdischen Viertels besteht das Exponat aus zwei Elementen: einem haptischen Modell der mittelalterlichen Mauern, die aus dem digitalen Befundmodell entstanden sind, und einem an der Wand dahinter befindlichen Monitor .

8 in 2 Reihen von jeweils 4 übereinander angeordnete Abbildungen von alten Stadtansichten, Straßenkarten, Landkarten und Ansichten von Fachwerkhäusern
Abb. 2: Erster Entwurf für die Installation des Einführungsfilms zum jüdischen Viertel. – © Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Auf das Modell können mit einem Beamer verschiedene räumliche Zustände projiziert und einzelne Strukturen, Mauern oder Bauwerke markiert werden. Gleichzeitig zeigt der Monitor synchron begleitende Informationen. So werden beispielsweise auf dem Modell die Fundamente der verschiedenen jüdischen Einrichtungen nacheinander markiert und gleichzeitig werden auf dem Monitor aus einer Vogelperspektive, welche das rekonstruierte Viertel als 3D-Modell zeigt, die entsprechenden Einrichtungen hervorgehoben. Die weitflächige filmische Inszenierung enthält auch eindrucksvolle Momente, bei denen ein einziges Motiv geteilt auf Monitor und Modell zu sehen ist.

Die Baugeschichte der Synagoge ist noch Bestandteil der aktuellen archäologischen Erforschung der Monumente des MiQua. Bisher lassen sich mindestens vier, wahrscheinlich sogar fünf mittelalterliche Nutzungsphasen erkennen, auf die dann noch die Nachnutzung der Ratskapelle folgt.

Zeichnung von archäologischen Ausgrabungen von Häusern. Die unterschiedlichen Bauphasen sind unterschiedlich farblich markiert
Abb. 3: Erklärfilm zur Baugeschichte des Synagogengebäudes. Bild: © Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Die Erfahrungen in diesem Projekt zeigen, welchen Gewinn die Digitalisierung von Befunden und Funden für die wissenschaftliche Rekonstruktion mit sich bringt. Auch Varianten lassen sich einfacher ableiten, überprüfen und darstellen. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung auch bei der Präsentation der Erkenntnisse enorme Potenziale. Zunächst kann die dreidimensionale Visualisierung von Befunden und Befundinterpretationen das Wissen anschaulich fusionieren und so ermöglichen, in viel kürzerer Zeit die Erkenntnisse nachzuvollziehen.

Im Kontext der grafischen Darstellung von virtuellen Rekonstruktionen versucht das Projekt neue Wege zu gehen. In Ausstellungen treffen zwei Erwartungshaltungen zusammen: die Erwartung einer wissenschaftlichen Herangehensweise bei Rekonstruktionen und die Erwartung speziell beim Publikum nach großer Anschaulichkeit und atmosphärischen Bildern. In dem Projekt wurde versucht, mit einer besonderen grafischen

Sprache beiden Aspekten gerecht zu werden und unterschiedliche Möglichkeiten der simulierenden Darstellung von Architektur genutzt: „Comic Stil“ einerseits und „atmosphärischen“ Bilder andererseits.

Schwarz-weiß-Zeichnung von vielen Fachwerkhäusern. In der Mitte steht ein rotes Haus. Das ist die mittelalterliche jüdische Synagoge
Abb. 4a: Unterschiedliche Darstellungsweisen – hier im Comic-Stil – machen den Erklärfilm spannend. Bild: © Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten
Blick in eine ganz schmale, menschenleere Gasse mit Fachwerkhäusern
Abb. 4b: Atmosphärisch starke Bilder wirken faszinierend. Bild: © Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Um den wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, sollen die im Projekt getroffenen Entscheidungen beim Rekonstruktionsprozess und die erzielten Ergebnisse in dem in Darmstadt maßgeblich mit entwickelten Dokumentationstool für virtuelle Rekonstruktionen (http://www.sciedoc.org) dokumentiert werden.

Ein Beitrag von Dr.-Ing. Marc Grellert, TU Darmstadt, und Prof. Dr. Sebastian Ristow, wissenschaftlicher Referent für die Archäologie des 1. Jahrtausends im MiQua.

Reconstructions to gain a deeper insight into the Roman and medieval remains of buildings in MiQua

For about two years now, experts from the fields of archaeology, architecture, historical building research, art history and Jewish studies have been working in a transdisciplinary teamwork at their desks and on the computer to develop scenarios that help to understand the building remains on the MiQua archaeological parcours. For this project, we are working closely with the departments of architectural sciences of the Technical Universities of Darmstadt and Budapest. The team implements the research results on the Roman Praetorium, the Jewish quarter with the synagogue and the medieval houses of the goldsmith’s quarter. The MiQua works closely with the team of the Archaeological Zone of the City of Cologne and of course with numerous experts from outside.
Several explanatory media presentations will be developed in Darmstadt for the permanent exhibition of MiQua: An introductory film on the history of the medieval Jewish community of Cologne and the possible shape of the Jewish quarter. Another film will present the construction history of the synagogue building in detail and illustrate its construction phases. And yet another film that illustrates in particular the reconstruction of the Bima, the central reading stage in the synagogue, and shows, on the basis of excavated architectural fragments, the work status achieved so far. Finally, a general introductory film on the permanent exhibition of MiQua’s archaeological findings is in production. It will be shown at the beginning of the exhibition and provides access to the more than 6,000 m² of archaeological exhibition space with a focus on the Roman period and the Middle Ages.

Fig. 1: First draft for the installation on the overview balcony at the beginning of the future exhibition. Photo: Architectura Virtualis, Cooperation partner of TU Darmstadt

At the beginning of the work a digital feature model was created with the help of the documentation of the old excavation from the 1950s and the new excavation of the city of Cologne, which has been taking place since 2007, as well as a point cloud scan of the earthquake research of the University of Cologne. This will also be printed by a 3D printer and animated. This is the case for the introductory presentation of the entire archaeological tour and for the one of the Jewish quarter.
In the film explaining the creation of the Jewish quarter, the exhibit consists of two elements: a tactile model of the medieval walls created from the digital feature model and a monitor located on the wall behind it.

Fig. 2: First draft for the installation of the introductory film about the Jewish quarter. Photo: Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Different spatial states can be projected onto the model with a beamer and individual structures, walls or buildings can be highlighted. At the same time, the monitor synchronously displays accompanying information. For example, the foundations of the various Jewish institutions are marked one after the other on the model, and at the same time the corresponding institutions are highlighted on the monitor from a bird’s eye view, which shows the reconstructed quarter as a 3D model. The extensive filmic staging also contains impressive moments in which a single motif is split on the monitor and on the model.
The building history of the synagogue is still part of the current archaeological research of the MiQua monuments. So far, at least four, probably even five medieval phases of the use of the synagogue can be identified, followed by the subsequent use of the Town Hall Chapel.

Fig. 3: Explanatory film on the construction history of the synagogue building. Photo: Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

The experience gained in this project shows the benefits of digitising features and finds for scientific reconstruction. Variants are also easier to derive, verify and present. In addition, digitisation also offers enormous potential for the presentation of findings. First of all, the three-dimensional visualization of findings and interpretation of findings can clearly fuse knowledge and thus make it possible to reconstruct findings in much less time.
In the context of the graphical representation of virtual reconstructions, the project attempts to break new ground. In exhibitions, two expectations meet: the expectation of a scientific approach to reconstructions and secondly, the expectation, especially of the public, of great clarity and atmospheric images. In the project, we tried to create a special graphic language to do justice to both aspects and to use different possibilities of the simulated presentation of architecture: „comic style“ on the one hand and „atmospheric“ images on the other.

Fig. 4a: Different ways of presentation – here in comic style – contribute to an exciting explanatory film. Photo: Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Fig. 4b: Atmospherically strong pictures have a fascinating effect. Photo: Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum, MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln, TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

In order to meet the scientific requirements, the decisions made in the project during the reconstruction process and the results achieved are to be documented in the documentation tool for virtual reconstructions (http://www.sciedoc.org), which was mainly developed in Darmstadt.

A contribution by Dr.-Ing. Marc Grellert, TU Darmstadt, and Prof. Dr. Sebastian Ristow, curator of archaeology of the 1st millennium at MiQua.

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