Unterwegs

„… euch hindert hieran nymandt“: Die Pogrome von Köln und Erfurt 1349

Eine von Kölner und Erfurter Archäologen gemeinsam konzipierte Sonderausstellung in der Alten Synagoge Erfurt

Bereits seit vielen Jahren besteht ein enger wissenschaftlicher Austausch zwischen den Erfurter und Kölner Archäologinnen und Archäologen, die sich mit den mittelalterlichen jüdischen Relikten beider Städte beschäftigen.

Hieraus entstand 2016 die vom Museum Alte Synagoge Erfurt und der Archäologischen Zone der Stadt Köln gemeinsam entwickelte Ausstellung „euch hindert hieran nymandt“.

Ausstellungsraum mit zwei Stellwänden und einer Vitrine.

Blick in den ersten Ausstellungsraum in der Alten Synagoge Erfurt. Foto A. von Kirchbach, Erfurt

Gemeinsame Geschichte

In beiden Städten bestanden im Mittelalter lebendige und bedeutende jüdische Gemeinden. Beide teilten im Jahr 1349 das gleiche verheerende Schicksal: Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in den Pogromen im Zusammenhang mit der damals drohenden Pestepidemie.

Sowohl in Erfurt wie auch in Köln veränderte das Pogrom die Struktur der Stadtquartiere grundlegend. Während in Erfurt die Synagoge umgebaut wurde und so die Zeit überdauerte, wurde die Kölner Synagoge nach der Zerstörung zunächst nicht wieder aufgebaut.

In Erfurt verbarg der Kaufmann Kalman von Wiehe vor dem Pogrom Teile seiner Wertsachen wie Münzen oder Schmuck in der Erde; da er das Pogrom nicht überlebte, wurden diese einmaligen Gegenstände erst 1998 wiederentdeckt. In Köln gelangten Teile des Haustandes der Besitzer zusammen mit den Resten der zerstörten Häuser während bzw. unmittelbar nach dem Pogrom in die Erde. Beides direkte faszinierende Einblicke in die Lebenswelt der jüdischen Bevölkerung. Hierzu gehören die auch in der Ausstellung gezeigten Schmuckstücke oder bronzene Lampen aus dem jüdischen Haushalt.

Ein Glücksfall für die Archäologie

Die Katastrophe für die jeweilige Gemeinde bedeutete für die Archäologie einen seltenen Glücksfall. Die Umstände in den beiden Städten haben dazu geführt, dass wir herausfinden könnten, welche Gegenstände zum persönlichen Besitz der Jüdinnen und Juden in der Mitte des 14. Jahrhunderts gehörten.

In der Ausstellung werden nun der Schatzfund aus Erfurt und Fundstücke aus der Kölner Ausgrabung zusammen präsentiert. Bei einzelnen Objekten zeigen sich erstaunliche Parallelen, so sind zum Beispiel Gürtelbestandteile in Bezug auf Material, Bearbeitung und Dekor praktisch identisch. Im Gegensatz zu den perfekt erhaltenen Erfurter „Schätzen“ zeigen die Kölner Fundstücke die Spuren der Zerstörung deutlich. Diese Wechselausstellung, präsentiert in der einmaligen Atmosphäre der mittelalterlichen Alten Synagoge Erfurt, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Im umfangreichen Rahmenprogramm hielten die beiden Kölner Archäologen Katja Kliemann und Michael Wiehen bereits zu Beginn des Jahres Abendvorträge.

Die Ausstellung ist aufgrund des hohen Zuspruches bis zum 23.04.2017 verlängert worden.

 

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

 

Ein Gastbeitrag von Michael Wiehen, Stadt Köln

 

Beitragsbild: Alte Synagoge: Blick von der Waagegasse, © A. v. Kirchbach

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