Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des MiQua zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat Dr. Klaus Hardering, studierter Kunsthistoriker und seit 2007 Leiter des Kölner Dombauarchivs, vier Führungen im Kölner Dom angeboten.

Thematischen Schwerpunkt des Rundgangs bildeten die lange vernachlässigten Bildwerke aus knapp 750 Jahren, die sich mit dem christlich-jüdischen Verhältnis auseinandersetzen: Ob verachtende antijüdische Darstellungen, wie das „Judensau“-Relief aus dem 14. Jahrhundert im mittelalterlichen Chorgestühl, das den Juden des Erzbistums eine gewisse Rechtssicherheit verleihende Judenprivileg des Kölner Erzbischofs Engelbert von Falkenburg aus dem Jahre 1266, oder die aufwendigen Stiftungen des Priesters Victor von Carben aus dem 16. Jahrhundert, der seine nun christliche Frömmigkeit als konvertierter Jude endgültig unter Beweis stellen und sich gegen seine frühere Religion positionieren wollte.

Aber auch in den Bildzeugnissen des 19. und 20. Jahrhunderts finden sich neben Stiftungen, die von einer Beteiligung Kölner Jüdinnen*Juden an der Domvollendung zeugen, auch solche Objekte, die abwertende judenfeindliche Stereotype und Klischees aufgreifen und damit wiederum eine Brücke zu den mittelalterlichen Bildwerken schlagen, indem sie die Vorstellungen des christlichen Antijudaismus wiederholen und antisemitisch verzerren. Zu nennen ist hier insbesondere das sogenannte „Kinderfenster“ aus den 1960er-Jahren, das also nur wenige Jahre nach der systematischen Ermordung von Millionen Jüdinnen*Juden entstand. Es bildet unter anderem Juden in stereotyper Darstellung, mit vermeintlichen „Rassenmerkmalen“ in der Physiognomie ab und erinnert damit erschreckenderweise an die propagierte NS-Ideologie – aber auch an die Szene der Geißelung Christi am Dreikönigsschrein mit den verzerrten Gesichtern zweier Juden, die somit als „Gottesmörder“ diffamiert werden.

Es wird klar: Der christlich verwurzelte Antijudaismus wirkt bis in den zeitgenössischen Antisemitismus nach. Deutlich wird aber auch: Das Christentum hat seine Wurzeln im Judentum. Im sogenannten Älteren Bibelfenster aus dem 13. Jahrhundert werden Szenen aus dem Alten Testament solchen aus dem Neuen Testament gegenübergestellt und aufeinander bezogen. Als „filii Israel“ – Kinder Israels – erhielt das jüdische Volk als das von Gott auserwählte so auch im christlichen Verständnis seine eigene Wertigkeit. Auch wenn mit dem Bezug zum Neuen Testament das Judentum als überholt ausgewiesen wird.

Von Duldung und einem ambivalenten Zusammenleben, hin zu einer zunehmenden Ausgrenzung und offenen Feindseligkeit, haben die Führungen eindringlich gezeigt, dass nur durch eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Teil des kulturellen Erbes eine Sensibilität für dergleichen Themen in aktuellen Diskussion geschaffen werden kann.

Die Führungen sind als Beiträge zur Aufarbeitung der Geschichte des kirchlichen Antijudaismus zu verstehen – eine Geschichte, die als Mahnmal für die Gegenwart und Zukunft gelesen werden sollte.
Ein Beitrag von Philipp Lenhart, ehemalige studentische Hilfskraft für den Bereich Mittelalter im MiQua.
Beitragsbild © Annette Hiller-Pahlow / LVR-ZMB
Der geschildert Rundgang verdient es, öfter angeboten zu werden
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