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Jüdische Ritualbäder als musealer Ort

 

Entwicklung eines Konservierungskonzepts der Mikwe in Worms macht Fortschritte: Ergebnisse einer Tagung am 11. Dezember 2019

Eine der bedeutendsten mittelalterlichen Monumentalmikwen in Deutschland steht in Worms und ist neben der dortigen Synagoge erhalten (Abb. 1). Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist wohl etwas älter als das 1956 ausgegrabene Ritualbad des Kölner jüdischen Gemeindezentrums, das künftig innerhalb des MiQua zu besuchen sein wird. Beide Bauten in Köln und Worms bestehen aus einem Zugangsbereich, einer Schacht- und Treppenanlage und einem an deren Fuß liegenden relativ kleinen, viereckigen Wasserbecken. Es misst weniger als 3 m². Hier konnten die Gläubigen ins Grundwasser eintauchen, was zu bestimmten Anlässen und Zeiten im Judentum religiös vorgeschrieben war.

Die erhaltenen historischen Stufen führen zum Tauchbecken der Wormser Mikwe in die Tiefe. Im Bildzentrum liegt das Tauchbecken. Die Abbildung ist eine Nahaufnahme des tiefsten Treppenabschnitts.
Abb. 1: Tauchbecken der Wormser Mikwe. Foto: Stefanie Fuchs

In Worms ist der Zugangsschacht zum Becken der Mikwe 9 m tief, in Köln sind es mehr als 15 m (Abb. 2). Beide Bauten waren über viele Jahre für die Öffentlichkeit zugänglich: In Köln ist die Mikwe seit Beginn der Bauarbeiten zum MiQua verfüllt, in Worms ist sie derzeit im Rahmen der Vorbereitung der Konservierung geschlossen. Die damit einhergehenden Maßnahmen begannen im Dezember 2016 und sollen bis Januar 2020 abgeschlossen sein. Im Rahmen des SchUM-Stätten-Projekts zu den mittelalterlichen jüdischen Zentren von Speyer, Worms und Mainz soll auch das Wormser Ritualbad Bestandteil des UNESCO-Welterbes werden.

Diese Abbildung zeigt eine Rekonstruktion des Gemeindezentrums im mittelalterlichen jüdischen Viertel Kölns. Im Zentrum die Mikwe sowie zwei umliegende aufgehende Gebäude. Der unterirdische Schacht ist ebenfalls rekonstruiert und so die unterirdische Tiefe mit einzelnen Details erkennbar.
Abb. 2: Schnittbild durch die im Bauzusammenhang rekonstruierte Kölner Mikwe. – Bild: Ein Projekt der Stadt Köln, Dezernat Kunst und Kultur, VII/3 – Archäologische Zone/Jüdisches Museum und von MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln sowie der Technischen Universität Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

Das umfangreiche Forschungs- und Sicherungsprojekt an der Wormser Mikwe ist in verschiedenen Punkten Vorbild für unser Kölner Bauwerk, das ebenfalls wieder zugänglich gemacht werden soll. Dabei ist zum einen auf die Sicherheit beim Besuch zu achten, andererseits auch und vor allem auf Gefahren, die von Mikroorganismen ausgehen. In Räumen mit hoher Luftfeuchtigkeit entstehen und vermehren sich zum Beispiel schädliche Pilzsporen. Pilze und Algen würden auf lange Sicht den kulturhistorisch bedeutenden Architekturbestand zerstören. Es gilt also ihr Wachstum zu begrenzen, damit die Belastung nicht zu hoch wird.

Das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Projekt in Worms versammelte zahlreiche Expert*innen aus den Restaurierungswissenschaften, aber auch aus der Bauforschung, Kunstgeschichte und Archäologie, die sich mit den zur Erhaltung und Nutzung der Wormser Mikwe notwendigen Maßnahmen befasst haben. Am 11. Dezember fand in Worms eine abschließende Tagung statt, die von der Generaldirektion Kulturelles Erbe des Landes Rheinland Pfalz (GDKE) gemeinsam mit dem Institut für Steinkonservierung e.V. (ifs) organisiert worden ist.

Wesentliches Ergebnis der Tagung: Es ist noch kein allein wirksamer und klar kalkulierbarer Weg zu einer weitgehend unbelasteten Nutzung und Erhaltung der Mikwe gefunden worden. Als sinnvolle Maßnahmen sind zunächst eine Verminderung des Feuchtigkeitseintrages durch ein Schutzdach erkannt, wie etwa bei der Mikwe in Speyer, aber auch eine Reduktion des Algen- und Pilzwachstums. Um die Nutzung durch Besucher*innen und Gläubige nicht zu gefährden, kommt dabei eine Bekämpfung mit Bioziden, also chemischen Giften, nicht in Frage. Neben der Anwendung nur bestimmter Lichtspektren, wenn sich Menschen in der Mikwe aufhalten, hier besonders des „Grünlichts“, sollten ein Einfall von natürlichem Licht nach Möglichkeit komplett ausgeschlossen werden und elektrische Beleuchtung mittels Bewegungsmeldern zeitlich begrenzt werden. Die Kombination bestimmter Leuchtmittel mit der Aufbringung von gelöstem Titandioxid auf die Mauern, um das mikrobielle Wachstum noch stärker zu hemmen, muss indes weiter erforscht werden.

Die Tagungsergebnisse sind nur der erste Schritt, der in mehreren Jahren und unter Mitarbeit einer großen Zahl von Expert*innen gegangen worden ist. Zusammengefasst sind die Erkenntnisse und Empfehlungen in einem kleinen Berichtsheft: Die Wormser Ergebnisse liefern wertvolle Anhaltspunkte für unsere eigene Präsentation, den Schutz und die Konservierung der nicht minder bedeutenden Kölner mittelalterlichen Mikwe im künftigen MiQua.

Ein Beitrag von Sebastian Ristow, wissenschaftlicher Referent für die Archäologie des 1. Jahrtausends im MiQua.

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