Unterwegs

Zwei Tage Entdeckungsreise in die Archäologie

Jahrestagung Archäologie im Rheinland 2018

(English version below) Am 5. und 6. Februar fand der traditionelle Rückblick der rheinischen Archäologie auf das vergangene Jahr statt. Referentinnen und Referenten der Bodendenkmalpflege des Rheinlandes präsentierten im LVR-LandesMuseum Bonn aktuelle Forschungsergebnisse. Es war ein breites Spektrum von Themen vertreten: von Beiträgen der Forschungsmethoden in der praktischen Archäologie über Funde von römerzeitlichen Siedlungsgebieten bis hin zu spektakulären Einzelfunden.

Verglastes Museumsgebäude

Außenansicht des LVR-LandesMuseums Bonn, © Carina Thomas

Vom Fund eines römischen Augenarztstempels

In der Fülle vieler fachbezogener Präsentationen war der Fund eines Arztstempels in einem römischen Grab im ländlichen Rheinland für mich besonders beeindruckend. Ein eingeritzter Name Gaius Claudius Primus (C CL PRI) lässt einen Bezug zu dem Besitzer des Stempels bzw. des Bestatteten herstellen. Es wurde berichtet, dass man in Frankreich einen Stempel mit identischem Namen und dem Hinweis auf Medikamente zur Behandlung von Augenleiden gefunden hat. Es wäre demnach möglich, dass Gaius über die Rheinlande hinaus sehr erfolgreich Augensalben verkaufen konnte. Der Fundort des französischen Stempels bei einer römischen Straße legt zudem die Vermutung nahe, dass Gaius seinen Stempel auf einem ärztlichen Einsatz in Frankreich verlor. Die Datierung der zusätzlichen Grabbeigaben, wie Trink- und Essgeschirr, auf das 2. Jahrhundert, sagt uns sogar in welcher Zeit Gaius gelebt haben könnte. Im Anschluss an die Präsentation konnte der Stempel neben weiteren Objekten in einer kleinen Sonderausstellung in den Räumen des Museums bestaunt werden. Aber warum ist dieser Fund in der Vielfalt der Vorträge so herausgestochen?

Fund des Monats – Dezember 2017:
Stempel eines Augenarztes, 2. Jahrhundert
Fundort: Elsdorf-Heppendorf, Rhein-Erft-Kreis
LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland / LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: J. Vogel / LVR-LandesMuseum Bonn

Narrativer Ansatz: Was ist das und was hat das mit mir zu tun?

Es liegt vermutlich an der narrativen Darstellung des Objektes. Der narrative Ansatz beschreibt eine Möglichkeit, Objekte in Museen einem Fachfremden thematisch zugänglich zu machen. Es ist wichtig, dass ein Ausstellungsstück von den Besucherinnen und Besuchern in einen Kontext gesetzt werden kann und somit das Objekt durch Erzählen einer Geschichte ein Leben verleiht bekommt. Sobald mich die Objekte persönlich oder emotional abholen, wird mir deren Bedeutung auf geschichtlicher, kultureller und politischer Ebene begreifbarer und sie regen meine Kommunikation für einen aktiven Lernprozess an. Die Fragen, wie etwas in früheren Zeiten stattgefunden hat und wie das mit meinem Leben in der heutigen Welt in Beziehung steht, sehe ich dabei als wichtige Erkenntnis für einen Museumsbesuch an.

Fundobjekte aus der Grabung. Dabei handelt es sich um 9 Glasflaschen von Farina ohne Inhalt.

Parfümflaschen der Firma Farina, © Christina Kohnen / Stadt Köln

Im MiQua erzählen mir Objekte die Geschichte des Ortes

Doch wie setzt eigentlich das MiQua seine Vermittlung von 2000 Jahren Geschichte mit allen Brüchen und Kontinuitäten an einem Ort um? Der Museumsleiter Thomas Otten erklärte bei seinem Vortrag auf der Tagung nicht nur die Archäologie, sondern auch das Konzept des Museums. Es beginnt alles mit den Funden, die auf dem Gelände des Ausstellungsbereiches ausgegraben worden sind. Ich denke sofort an die in den ehemaligen Kellerräumen gefundenen Parfümflaschen. Die Fläschchen alleine mögen noch keine große Besonderheit für die Museumsbesucherinnen und Museumsbesucher darstellen. Doch erfährt man, dass diese aus den ehemaligen Lagerräumen der Firma Farina stammen, so beginnt sich eine Geschichte aufzubauen. Das berühmte Eau de Cologne war nicht nur in Köln bekannt, sondern weckte genauso wie sein italienischer Erfinder Johann Maria Farina internationales Interesse. Und plötzlich ist das Fläschchen nicht nur ein Fläschchen, sondern erzählt mir die Geschichte eines Parfümeurs mit seinem Sitz im politischen und gesellschaftlichen Zentrum von Köln. Nach dem Verlassen des Museums werde ich dann ein paar Meter weiter über der Erde feststellen, dass ich auch noch heute das Geschäft von Herrn Farina gleich gegenüber dem Historischen Rathaus entdecken kann. Meine Geschichte nimmt jetzt also erst richtig an Fahrt auf…

Portraitbild der lächelnden Carina Thomas. Sie trägt eine Brille mit einem schwarzen Gestell. Ihr langer Zopf liegt über ihrer linken Schulter.

Carina Thomas. Foto: Dominik Schmitz / LVR-ZMB

Ein Gastbeitrag von Carina Thomas, Studentin im Master Architektur mit dem Schwerpunkt Kulturelles Erbe an der Technischen Universität München. 

 

Weitere Infos zum LVR-LandesMuseum Bonn:
http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de/de/startseite.html

Weitere Infos zum Blog des LVR-LandesMuseum Bonn:
https://lvrlandesmuseumbonn.wordpress.com/

Weitere Infos zum Farina-Haus:
http://farina.org/willkommen/

 

Beitragsbild: Tagung Archäologie im Rheinland 2018 im LVR-LandesMuseum Bonn, © Carina Thomas

 


Two days connecting with the past

The 2018 Annual Rhineland Archaeological Convention

On 5 and 6 February, the annual review of archaeology in the Rhineland took place at the LVR LandesMuseum Bonn. The speakers presented the latest research in the area of field monument conservation in the Rhineland. They covered a broad spectrum of subjects from research methods in practical archaeology, through discoveries at Roman settlements, to spectacular individual finds.

Fig. 1: View of the LVR LandesMuseum Bonn, © Carina Thomas

A Roman oculist’s stamp

Amongst the many specialist presentations, one that grabbed my attention was a talk on an oculist’s stamp which had been uncovered in a Roman grave in the Rhineland countryside. It was engraved with the name Gaius Claudius Primus (C CL PRI), allowing a link to be established to its owner and to the entombed person. We heard that a similar find was made in France: a stamp bearing the identical name and a reference to medicine for eye complaints. This would seem to suggest that Gaius was highly successful at selling his eye salves beyond the Rhineland, too. The site at which the French stamp was found near a Roman road allows us to suppose that Gaius might have lost it during a visit to that country on business. And the dating of other grave finds such as drinking vessels and dishes to the 2nd century even tells us when Gaius might have lived. After the presentation, attendees were able to see the stamp and other objects in a small exhibition at the museum. Why, though, should this particular find stand out in my mind?

Fig. 2: Find of the month – December 2017:
An oculist’s stamp, 2nd century. Site of find: Elsdorf-Heppendorf, Rhein-Erft-Kreis
LVR Office for the Conservation of Monuments in the Rhineland / LVR LandesMuseum Bonn, Photo: J. Vogel / LVR LandesMuseum Bonn

A story unfolds: the object and how we relate to it

The answer must be something to do with the way this find was placed in a narrative context – in other words, with the approach that enables non-specialists to relate to museum exhibits. It is important that museum visitors can place an item in a context. Through story-telling, the exhibit acquires a ‚life‘. The moment I feel a personal or emotional connection to objects is when I can more easily grasp their historical, cultural and political meanings and be inspired to learn more. When I visit a museum, the whole point, I believe, is to ask how something played its part in earlier times and think about the ways it might connect to my life in today’s world.

Fig. 3: ‚Farina‘ perfume bottles, © Christina Kohnen / Stadt Köln

At MiQua, objects speak of the history of a place

But how does MiQua achieve a retelling of 2000 years of history in one venue, with all the gaps and continuums that characterise the intervening years? In museum director Thomas Otten’s address, he talked about the concept for, and the archaeology of, the museum itself. It all began with archaeological finds in the very same location that now forms the exhibition space. I immediately think of the perfume bottles that came to light in former cellars – small glass flasks, which may not at first hold any special meaning for the average museum visitor. But once you know that they come from the Farina company’s store rooms, you sense the beginnings of a tale of some import. The fame of ‚Eau de Cologne‘ was not confined to Cologne but drew the attention of the whole world – as did its Italian inventor, Johann Maria Farina. Suddenly the diminutive object ceases to be simply a bottle; it becomes a vessel recalling the life of a perfumier whose base was at the political and social heart of Cologne. Leaving the museum, just a few steps on I am reminded that Farina’s business still trades to this day, right opposite the historic town hall. Now that I can relate to!

Fig. 4: Carina Thomas. Photo: Dominik Schmitz / LVR-ZMB

 

Guest contribution by Carina Thomas, Master’s student of architecture at Technische Universität München with a special interest in cultural heritage. 

 

More on LVR LandesMuseum Bonn:
http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de/de/startseite.html

More on the LVR LandesMuseum Bonn blog:
https://lvrlandesmuseumbonn.wordpress.com/

Information on Farina-House:
http://farina.org/willkommen/

 

Picture credit: The 2018 Rhineland Archaeological convention 2018 at LVR LandesMuseum Bonn, © Carina Thomas

 

 

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