Baugeschehen

In den Boden gestampft und den Kopf abgeschlagen

(English version below) Ein gutes Haus steht auf einem sicheren Fundament. Auch das „MiQua. LVR- Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“ braucht eine stabile Basis. Aber was tun, wenn jeder Meter Boden archäologische Schätze birgt, die unverrückbarer Teil der Ausstellung werden sollen? Kreisend und unaufhaltsam senkt sich die Spitze des Bohrers in den Boden. Am nördlichen Ende der Baustelle, ganz in der Nähe des Spanischen Baus und nur wenige Meter entfernt von der Laube des Historischen Rathauses setzen die Bauarbeiter einen der letzten Bohrpfeiler in den Boden. Bis zu dreißig Meter tief wird gebohrt, um dann eine mit Armierungseisen verstärkte Betonsäule zu gießen. Tag ein, Tag aus geht das so auf dem Baufeld im Herzen Kölns. Insgesamt 386 dieser gewaltigen Bohrpfeiler werden Ende April als statische Basis für die Bodenplatte dienen, auf der im südlichen Bereich, gegenüber dem Wallraf-Richartz-Museum und entlang der Straße Unter Goldschmied, das neue Museum entstehen wird. Ein bauplanerischer Trick, denn so umgeht man die Notwendigkeit ein gewaltiges Fundament in den Boden gießen zu müssen. Aber es gibt Nachteile: Es ist laut. Und es ist nervig. Immer dann, wenn der Bohrkopf auf festes Gestein trifft, wird es besonders unangenehm.

Blick auf das Wallraf-Richartz-Museum. Im Vordergrund ist die Baustelle vom MiQua zu sehen.

Museumsbaustelle mit Blick auf das Wallraf-Richartz-Museum, © Tanja Potthoff / LVR

Wie ein stampfender Riese

Zwar sind alle Bohrkranführer angewiesen ihre Arbeit lieber etwas behutsamer und dafür weniger laut auszuführen aber manchmal hilft auch der beste Vorsatz nicht. Wer kann, versucht dem Lärm möglichst schnell zu entfliehen. Nach einigen Metern wird es etwas erträglicher. Dennoch, wie ein stampfender Riese verfolgt einen das Geräusch des gebrochenen und zermahlten Gesteins. Für die Anwohnerinnen und Anwohner ist es ein Dilemma. Trotz aller Neugier auf das neue Museum – begeistert von dem Krach und dem Dreck, den ein Bau solchen Ausmaßes mit sich bringt, ist verständlicherweise niemand.

Baustellenansicht mit dem Bohrkran in der Mitte

Bohrkran, © Tanja Potthoff / LVR

Seit Anfang 2016 wird vor dem Rathaus mit schwerem Gerät der Boden durchlöchert. Jede einzelne dieser Bohrpfeilersetzungen geht mit mehreren kleineren Bohrungen einher. Der Zweite Weltkrieg wirft auch heute noch seine Schatten. Durch die Tiefe der Bohrungen und deren Vielzahl kann an Hand von Luftbildern, Fotografien alter Ausgrabungen und von alten Karten nicht verlässlich ausgeschlossen werden, dass sich, irgendwo da unten, nicht möglicherweise doch noch ein lauernder Blindgänger verbirgt. Und wo die Probebohrungen des Kampfmittelräumdienstes kein hundertprozentiges Ergebnis bringen hilft nur eines: großflächiges Ausschachten. Da kann man von außen schon mal an der Sinnhaftigkeit der Bauarbeiten zweifeln. Aufbaggern die Grube, zuschütten die Grube. An anderer Stelle nochmal das gleiche Spiel. Dass es, bei all diesen scheinbar unorganisierten Löchern und Schuttbergen, dann schon mal zu Nachfragen von Bürgerinnen und Bürgern kommt ist kein Wunder. „Wieso müssen sie denn ein und dieselbe Stelle dreimal aufmachen? Kann das nicht besser koordiniert werden?“, fragte kürzlich eine Geschäftsfrau eines Unternehmens in Unter Goldschmied per E-Mail an. Natürlich macht das auf den ersten Blick diesen Eindruck, aber das Gegenteil ist der Fall. Mit großer Sorgfalt und Ernsthaftigkeit wird alles versucht um ein Unglück zu vermeiden. Es wird weder etwas dem Zufall überlassen, noch ist die Bauleitung bereit im Bereich der Sicherheit Kompromisse einzugehen. Und das ist gut so.

Die freigelegte Pfahlwand ist vorbereitet und abgesichert zum Abschlagen der Bohrpfahlköpfe

Die freigelegte Pfahlwand ist vorbereitet und abgesichert zum Abschlagen der Bohrpfahlköpfe, © Hermann Koch / Stadt Köln

Ein Mammutprojekt mit Charme

In den kommenden Wochen werden bei allen 368 Grundpfeilern die Köpfe plan gemacht – Bohrkopfabschlagen nennen das die Bauarbeiter. Mit großen Bohrhämmern wird überstehender Beton abgemeißelt, und herausstehende Armierungseisen werden abgeflext. Ein großes Schallschutzgerüst wandert bei den Arbeiten stets mit. Das dämpft den entstehenden Lärm erheblich. Trotzdem, leise wird die Baustelle davon noch lange nicht. Denn nachdem alle Pfeiler auf die exakt gleiche Höhe gebracht wurden, kann mit den Arbeiten der Bodenplatte für das Museum begonnen werden. Eine Mammutaufgabe: Über 610 Tonnen Armierungseisen müssen verbaut werden um dem Beton die notwendige Festigkeit zu verleihen. Am Ende werden allein für die Bodenplatte, die auch gleichzeitig als Decke für die unterirdische Ausstellung fungiert, 2800 Kubikmeter Beton vergossen worden sein. Darin müssen erstaunliche 6,6 Kilometer Heizungsrohre, 820 Meter Lüftungsleitungen und 19,2 Kilometer Elektroinstallationsrohre verlegt und eingebettet werden. Erst dann kann mit dem eigentlichen Bau des Museums und der Realisierung des einzigartigen unterirdischen Ausstellungsparcours begonnen werden. Und ganz ähnlich wie beim Errichten des Fundamentes, werden die Bürgerinnen und Bürger Kölns und der Region auch hierbei bestimmt mit einigen Superlativen rechnen können. Die dann anstehenden Belastungen wurden von einer Anwohnerin mit jenem typisch kölschen Charme kommentiert der die Baustelle von Anfang an begleitete: „Et ist wie et is – aber macht, dass es am Ende schön ist. Sonst war es Viel Lärm um Nichts“. Eine Mahnung – und ein Ansporn!

Ein Gastbeitrag von Hermann Koch, Stadt Köln

 

Beitragsbild: Museumsbaustelle mit dem Spanischen Bau und der Rathauslaube im Hintergrund, © Tanja Potthoff / LVR

 

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Reverberations

A good house is built on solid foundations. It is certainly true that ‚MiQua. LVR-Jewish Museum in the Archaeological Quarter of Cologne‘ has need of solid foundations. But what should one do, when every metre of soil contains archaeological treasures that must be an inalienable part of the exhibition? As it rotates, the tip of the borer sinks relentlessly into the earth. At the northern end of the site, close to the Spanischer Bau and only a few metres from the loggia of the historical city hall, construction workers are inserting the final bore piles in the ground. The drilling depth is up to 30 metres to accommodate the reinforced concrete columns. This is the scene, day in and day out, on the construction site in the heart of Cologne. A total of 386 of these massive drilled bores will be the basis for the floor plate on which the new museum will rest, at the southern side of the site opposite the Wallraf Richartz Museum and along Unter Goldschmied. The plate is a clever solution by which the building planners have avoided the need to pour immense foundations into the ground. There are disadvantages: the work is extremely loud – and irritating. And when the drill head meets rock, it can be especially unpleasant.

Image 1: Construction site looking towards the Wallraf Richartz Museum, © Tanja Potthoff / LVR

Giant footsteps

All drill crane drivers are instructed to carry out their work carefully and if possible quietly, but sometimes shock waves reverberate, even with the best of intentions. Anyone in the vicinity does their best to escape the noise and a few metres away it becomes more bearable. Even so, the sound of stone being broken and ground down pursues you like the steps of a giant. This is naturally a dilemma for local residents. The new museum has awoken a significant amount of curiosity, with the noise and the dust of large scale construction filling the streets; nonetheless onlookers make themselves scarce when it comes to drilling.

Image 2: Drill crane, © Tanja Potthoff / LVR

Since early 2016, heavy machinery has been making holes in the ground in front of the City Hall. Each of the bored columns has been accompanied by several smaller penetrations. Even today, World War II casts its shadow. Aerial pictures, photographs of old excavations and old maps may give some information, but because of the depth of the drilling and the number of piles, one cannot rule out the possibility that somewhere down there an unexploded bomb might be lurking. The bomb disposal service can conduct test drilling, but where this does not give 100 per cent assurance, only one thing can help: large scale clearance and excavation. From a lay person’s point of view, the meaning of the works may be hard to grasp. Cutting pits, filling them in. Doing the same in another spot. It is no wonder that the civilian population has been asking questions about the apparent randomness of the holes in the street and the piles of debris. „How come they have to dig up the same spot three times? Couldn’t there be better coordination?“, the owner of a business in Unter Goldschmied asked in an email. At first glance, one might indeed suspect a lack of organisation. But this is not the case at all. All the necessary steps are taken, carefully and expertly, to ensure that no accident occurs. Nothing is left to chance; nor are the construction managers prepared to make any compromises in the area of safety. This is just as well.

Image 3: The exposed pile row is prepared and shored up ready for knocking off the tops of the bore pile columns, © Hermann Koch / Stadt Köln

A mammoth effort, and a charming attitude

In the coming weeks all 368 heads of the foundation pillars will be evened off – this is called ‚decapitating bore heads‘ in builders‘ jargon. Large drill hammers chisel away excess concrete and the exposed reinforcements are ground off. The large sound insulation framework travels with the work, affording significant abatement of the noise. Yet one cannot call the construction site a quiet place by any means. Once all the piles have been reduced to exactly the same level, the work on the ground plates for the museum can begin. It is a mammoth task: over 610 tons of reinforced steel must be installed in order to give the concrete the necessary degree of strength. At the end of the process, 2800 cubic metres of concrete will have been poured for the floor plates alone – which also functions as the ceiling of the underground exhibition. Within this mass, an astonishing 6.6. kilometres of heating pipes, 820 metres of ventilation conduits and 19.2 kilometres of electrical cables must be laid and embedded. Only then can the actual building of the museum and the realisation of the unique subterranean exhibition route begin. Just as with the provision of the foundations, Cologne’s residents may count on something extraordinary when it comes to the new museum. The stresses and strains of this stage of construction prompted a lady who had been following the progress of the building to say, with typical Cologne charm, „It is as it is – but please say it’s going to be a beautiful building. Otherwise, it would have been a lot of noise for nothing.“ A little warning – and an incentive!

Guest contribution by Hermann Koch, Stadt Köln

 

teaser image: Construction site with Spanischer Bau and City hall loggia in the background, © Tanja Potthoff / LVR

 

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Ein Kommentar zu “In den Boden gestampft und den Kopf abgeschlagen

  1. „Kopf abschlagen“

    Gleich ein Verweis zur Ausstellung nebenan im Wallraff-Richartz-Museum über Hittorf, den Architekten der Place de la Concorde.

    Da wurden auch seinerzeit Köpfe abgeschlagen. Von Menschen nicht von Pfählen ☹️.

    Gottseidank sind es bei uns nur Ortpfahlköpfe. Köpfe können dennoch rollen, wenn auch nur im übertragenen Sinne: Wenn dat mit dem Bauen nicht so klappen würde. Auf Kölsche Art eben😈.

    Also toi, toi, toi und frohes Schaffen 👍.

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