Untergang und Neuanfang: Das Kölner Praetorium im Wandel der Jahrhunderte

Kölns Geschichte ist geprägt von der einzigartigen Lage am Rhein und einer kontinuierlichen Besiedlung über Jahrtausende hinweg. Eine zentrale Rolle spielte dabei in der römischen Zeit das Praetorium, einst Statthalterpalast und später wohl Residenz der fränkischen Könige. Doch was verraten die archäologischen Funde über die Nutzung dieses monumentalen Bauwerks? Und welche Geheimnisse liegen noch verborgen? Tauchen Sie ein in die faszinierende Geschichte des Praetoriums und seiner Bedeutung für die Entwicklung der Stadt Köln.

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts übernahmen die Franken das römische Köln. Im Zentrum der Rheinfront stand damals der Statthalterpalast, das Praetorium, das zuletzt im 4. Jahrhundert umgebaut oder vielleicht sogar in großen Teilen neu errichtet worden war. Ob die römische Verwaltung diese Arbeiten abgeschlossen hat, wissen wir nicht. Die letzte Bauinschrift eines römischen Beamten aus Köln aus den 390er Jahren könnte zum Praetorium gehören, die des comes Arbogast.

Die digitale Rekonstruktion zeigt eine historische Ansicht des römischen Praetoriums in Köln, der einstigen Statthalterresidenz Niedergermaniens. Das imposante Gebäude mit seinen hohen, symmetrisch angeordneten Fenstern und den roten Ziegeldächern erstreckt sich entlang einer massiven Stadtmauer mit einem Wachturm und einem Tor. Im Vordergrund verläuft die gepflasterte Straße parallel zur Befestigung, während im Hintergrund weitere römische Bauten zu erkennen sind. Die Szene vermittelt einen Eindruck von der Größe und Architektur des antiken Verwaltungszentrums.
Rekonstruktion des Praetoriums in der Spätantike. © Abbildung: Zsolt Vasáros/Gábor Nagy (Narmer Architecture/Budapest University for Technology and Economics) nach Angaben S. Ristow

Die weitere Nutzung des römischen Regierungspalastes im Frühmittelalter ist weitgehend unbekannt. Mit großer Wahrscheinlichkeit befand sich hier jedoch die Residenz der fränkischen Könige des 6. Jahrhunderts, die als aula regia (Königshalle) erwähnt wird. Auch das zu Beginn des 7. Jahrhunderts erwähnte palatium thesauri (Schatzhaus) des in Köln residierenden Frankenkönigs Theudebert könnte seinen Platz im ehemaligen Praetorium gehabt haben.

Unter den Funden der Altgrabung, die bisher im Rahmen der Vorbereitung von MiQua gesichtet wurden, sind Objekte aus dieser Zeit nur in geringer Zahl vertreten. Aus dem 6. Jahrhundert stammt die seit langem bekannte Goldmünze eines westgotischen Herrschers. Auf eine kontinuierliche Nutzung des Praetoriums auch in fränkischer Zeit weist eine handgefertigte Scherbe hin, deren beste Parallelen mit stark vertiefter Verzierung in das 6. Jahrhundert und in den elb-wesergermanischen Raum datieren. Eine fragmentierte Bügelfibel aus dem 6. Jahrhundert wurde bei den Ausgrabungen gefunden. Die Scherbe eines Knickwandtopfes datiert in das späte 6. oder frühe 7. Jahrhundert.

Die Abbildung zeigt eine goldene Münze aus der Zeit der Westgoten. Auf der Vorderseite ist eine stilisierte Figur mit einem geflügelten Wesen zu erkennen. Die sitzende Person hält ein rundes Objekt in der Hand, während weitere symbolische Elemente das Motiv umgeben. Eine umlaufende Inschrift in lateinischen Buchstaben rahmt die Darstellung ein. Die Prägung weist typische Merkmale frühmittelalterlicher Münzkunst auf, darunter eine leicht unregelmäßige Form und eine vereinfachte, abstrahierte Bildsprache.
Nahaufnahme einer westgotischen Goldmünze und einer fragmentierten Bügelfibel, beide aus der Zeit des frühen Mittelalters.. Th. Höltken/Stadt Köln, RGM.

Vor allem für die mittlere Merowingerzeit kann also eine kontinuierliche Nutzung des Kölner Praetoriums sowohl aus archäologischer als auch aus historischer Sicht wahrscheinlich gemacht werden. Zukünftige Untersuchungen könnten vielleicht auch frühmittelalterliche Phasen im Befund nachweisen. In der zentral gelegenen Rotunde mit achteckiger Außenseite ist ein ehemals unter Bodenniveau vorhandenes zentrales Podest kaum noch zu erklären, da es bei der Grabung 1953 beseitigt wurde, zuvor aber nur skizzenhaft dokumentiert war. Möglicherweise trug es einen Fußboden, der in diesem repräsentativen Teil des Gebäudes möglicherweise sekundär – also im frühen Mittelalter – eingebaut wurde, oder es diente als Auflager für ein Gewölbe oder einen Dachstuhl. Fraglich ist auch, ob die zweite Bauphase der Spätantike überhaupt in der spätantiken Bauperiode abgeschlossen wurde. Jedenfalls fehlt unter den erhaltenen Baudekorfragmenten spätantikes Material weitgehend. Dies gilt für die Wandmalerei, aber auch für die Ausstattung mit Säulen und Skulpturen. Bis auf ein älteres, möglicherweise spätantik überarbeitetes korinthisches Kapitell stammen alle erhaltenen Befunde aus der frühen und mittleren römischen Kaiserzeit.

Über das Ende des Praetoriums gibt es verschiedene Theorien. Der Bau war nach Osten, also zum Rhein hin, gekippt und danach in weiten Teilen nicht mehr nutzbar. Für ein zunächst vermutetes Erdbeben gibt es weder im Befund noch in den Schriftquellen Belege. Das aus den archäologischen Befunden mit guten Gründen für 803 in Aachen abgeleitete Erdbeben könnte zwar Auswirkungen bis Köln gehabt haben, wurde aber bisher nicht herangezogen. Von Seiten der Erdbebenforschung sind mögliche Auswirkungen über diese Distanz in unserer Region mehr als umstritten. Auch von Seiten der Archäologie fehlen zweifelsfreie Belege für Erdbebenschäden an den anderen bekannten Kölner Baubefunden. Allenfalls indirekt ließe sich argumentieren, dass der Alte Dom den zuvor an dieser Stelle stehenden, ursprünglich merowingerzeitlichen Kirchenbau des 6. bis 8. Jahrhunderts ersetzt hat. Der Alte Dom ist mit einer den anderen karolingerzeitlichen Bauten entsprechenden soliden Fundamentierung versehen und sein Baubeginn durch den Kölner Erzbischof Hildebold, der Aachen gut kannte, dürfte wahrscheinlich kurz nach dem Aachener Erdbeben erfolgt sein. Eine Ausbauphase in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts weist auch der ursprünglich spätmerowingische Bau von St. Pantaleon im Kölner Südwesten auf.

Die Abbildung zeigt eine historische Mauer mit einer markanten diagonalen Rissbildung. Die aus Ziegelsteinen und Mörtel errichtete Struktur gehört zu einer archäologischen Stätte und weist sichtbare Schäden auf, die auf Setzungen oder andere statische Einwirkungen hindeuten. Im oberen Bereich sind moderne Stützen zu erkennen, die möglicherweise zur Sicherung der historischen Bausubstanz dienen. Licht- und Schatteneffekte betonen die Struktur der Mauer und die Tiefe des Risses.
Die Ostfassade des Praetoriums mit sichtbaren Rissen, die auf mögliche Baugrundsenkungen hindeuten. S. Ristow/MiQua.

Eine weitere, durchaus nicht unwahrscheinliche Möglichkeit für die Zerstörung des Kölner Praetoriums ist die Annahme einer Baugrundsenkung, z. B. durch Unterspülung des mehrfach terrassierten Ostbereichs. Dies hätte zur Folge gehabt, dass sich der gesamte Zentralbau nach Osten geneigt hätte und eingestürzt wäre, was auch die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Risse in der Ostfassade verursacht hätte. Fest steht jedenfalls, dass die Infrastruktur der Stadt und damit sicherlich auch die Bebauung mit Wohngebäuden ab dem 8. und spätestens ab dem 9. Jahrhundert beginnt. Damit einher geht – so die Arbeitshypothese – die Verlagerung des Verwaltungszentrums vom späteren Rathausplatz zum Dom, wo der Bischof spätestens in der Zeit des alten Doms seine Pfalz errichten ließ.

Das Praetorium bleibt ein Schlüssel zur Vergangenheit Kölns, ein Ort, der die Geschichte von Macht, Wandel und Zerstörung widerspiegelt. Archäologische historische Quellen zeichnen ein Bild von seiner Bedeutung in römischer und frühmittelalterlicher Zeit, doch viele Fragen bleiben offen. Mit jedem neuen Fund und jeder Untersuchung rückt ein klareres Verständnis seiner Rolle in Kölns Entwicklung näher.

MiQua hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Schatz für zukünftige Generationen zu bewahren und die Geschichte lebendig zu halten. Besuchen Sie uns schon jetzt im MiQua:forum zu einem unserer Vorträge, um mehr über die Geheimnisse des Praetoriums zu erfahren! 

Hier finden Sie das komplette Programm: https://miqua.lvr.de/de/veranstaltungen/veranstaltungen_1.html

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Autor: Prof. Dr. Sebastian Ristow

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