Ausgegraben

ZeitZeichnen

Von 2010 bis 2015 habe ich als Zeichner in der Archäologischen Zone am Rathausplatz in Köln gearbeitet und dort die  freigelegten Befunde aus überwiegend römischer und mittelalterlicher Zeit gezeichnet und koloriert. In dieser Zeit sind hunderte von maßstabgetreuen Zeichnungen entstanden.
Die intensive Auseinandersetzung mit einem Motiv und dessen visuelle Umsetzung sind verwandt mit meiner künstlerischen Arbeit, in der ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema Landschaft befasse. Die Arbeit im Freien habe ich als sehr reizvoll empfunden, da der zu dokumentierende Gegenstand auf diese Weise, je nach Tageszeit und Wetterlage, in unterschiedlichen Facetten erfahrbar wurde. Die Arbeit konnte einerseits sehr kontemplativ sein, andererseits aber bisweilen auch sehr beschwerlich. So bestand bei Minusgraden im Winter die Kunst mitunter schon darin, den Zeichenstift in den Fingern zu halten.

Nördlicher Grabungsbereich mit mittelalterlichem Keller, © Matthias Surges

Von der archäologischen Zeichnung zum Bild

Die Idee, aus den Motiven der Archäologischen Zone eigenständige Bilder anzufertigen, entstand, da die archäologischen Befunde eine eher technische Umsetzung erfordern und das Format aufgrund ihres Maßstabes relativ begrenzt ist. Ich entschied mich für die Technik der Aquarellmalerei, da sie im Vergleich zu anderen Techniken ein verhältnismäßig flüchtiges Medium ist und somit dem Charakter eines von zeitlicher Dauer begrenzten Verbleibes vieler Befunde ähnelt. Faszinierend an meiner Tätigkeit war vor allem die Vorstellung, dass die Orte, an denen ich sehr viel Zeit verbracht und deren Befunde ich intensiv beobachtet und gezeichnet habe, nach Beendigung der Dokumentation abgetragen wurden, um darunterliegende Schichten freizulegen. Auf diese Weise wurde die Zeichnung zu einem Relikt der sichtbaren Erinnerung und aufgrund ihrer differenzierten Gestaltungsmöglichkeit zu einem einzigartigen Dokument.
Je nach Befund konnte eine Zeichnung schon nach wenigen Stunden beendet werden, viele Motive beanspruchten jedoch eine Zeitdauer von einigen Tagen, mitunter auch von Wochen.

Eine rätselhafte Grube

Unter der vermuteten Frauensynagoge entdeckten die Archäologinnen und Archäologen eine trapezförmige Grube aus dem frühen Mittelalter, die sich nach unten hin stufenförmig verjüngt. Ihre Maße betragen etwa 3x3x3m. Die Funktion dieser Grube ist bis heute noch ungeklärt. Da sie mit Bauschutt aus verschiedenen Epochen gefüllt war, wurde sie in der Grabung in mehreren Zeitabschnitten abgetieft.

Vermutlich frühmittelalterliche Zisterne, © Matthias Surges

Analog zu diesem Verfahren wuchs auch die Zeichnung in verschiedenen Zeitintervallen, um sich schließlich zum endgültigen Resultat zu verdichten. Insgesamt verbrachte ich mehrere Wochen in dieser Grube und konnte somit intensiv die Beschaffenheit ihres Aufbaus studieren. Die Materialität der für die Wände verwendeten Steine, die Struktur des Wandputzes sowie die Farbigkeit des lehmigen Untergrunds unterhalb der Bodenfragmente inspirierten mich zu einigen Skizzen, um sie für spätere Bilder zu verwenden.

Zerstört durch Feuer

Ein anderer Befund, an dem ich mehrere Wochen zeichnend verbracht habe, befand sich auf der nördlichen Grabungsfläche. Es handelte sich um die Überreste eines mittelalterlichen Hauses, von dem nur noch die Mauerreste des Kellers sichtbar waren. Spannend an diesem Ort war der grauschwarze Boden, der in seiner ganzen Fläche aus einer rußigen Lehmschicht, bestückt mit zahlreichen Holzkohleresten, bestand. Der verbrannte Boden und die Mauerreste des Kellers rühren von einem Feuer während des Pogroms von 1349. Die Mauern und die Bodenschichten waren in genau jenem Zustand erhalten, wie sie die Brandkatastrophe damals hinterlassen hatte.

Mittelalterlicher Keller mit verbranntem Boden, © Matthias Surges

Hier, wie an vielen anderen Orten der Grabung, waren die Ereignisse vergangener Tage und das Schicksal der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner deutlich nachzuspüren und mit Augen und Händen zu greifen.
Die zeitintensiven Beobachtungen und das zeichnerische Erfassen von Strukturen einer nicht mehr präsenten Kultur haben im Nachhinein meine künstlerische Arbeit beeinflusst.

 

Ein Gastbeitrag von Matthias Surges, Künstler.

 

Beitragsbild: Archäologische Zone, südliche Grabungsfläche, © Matthias Surges

 

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4 Kommentare zu “ZeitZeichnen

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